Der Yamaha CX5M MSX-Musik-Computer

Feature von Richard Aicher - April, 1985

Er sieht aus wie ein ganz normaler MSX-Homecomputer, doch sein Sound lässt manchen professionellen Synthesizer vor Scham erröten. Das Wunderkind entspross jüngst einer japanischen » Musiker-Familie « und ist schon im Begriff, die Bühnen der Welt zu erobern - der Yamaha CX5M Music Computer.

Das Licht erlischt, Scheinwerfer tauchen die Bühne in dunkles Rot und Blau. » Computer in Concert« ist das Motto des Abends. Zwei Männer, viele Bildschirme, Klaviaturen und eine Unmenge Elektronik entführen uns in die Sphären computerisierter Musik. Mit von der Partie ist erstmals ein » ganz normaler « MSX-Computer. » Er muss heute die Feuertaufe bestehen «, verraten die Musiker der Gruppe Weltklang, «endlich hat ein solches Ding die Grenze zwischen Homecomputer und Synthesizer überschritten, zumindest, was den Sound betrifft«.

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Richard Aicher - Weltklang 1985


 Tatsächlich lauschte ich an diesem Abend vergeblich nach einem mir bekannten Sound-Chip-Klang. Nichts erinnerte an die bekannten dünnen Klänge der »Chiporchester« verschiedener Homecomputer. Das neue Wunderkind brillierte Sound für Sound. Gleich, ob nepalesische Tempelglöckchen oder die Glocken von Notre-Dame, ob Klavier oder Gitarre, der CX5M hatte alles parat vom tiefsten Bass bis zu den brillantesten Höhen.

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Oberflächlich betrachtet, unterscheidet sich der CX5M nicht von all den anderen MSX-Computern, die momentan einen neuen Markt zu erobern versuchen. Nur sein grauschwarzes Design lässt ihn einen Hauch eleganter als seine Konkurrenten erscheinen. Der Rest, ganz der Norm entsprechend: 73 Tasten, davon fünf doppelt belegte Funktionstasten, ein abgesetzter Cursor- Block und eine Slot für die MSX-ROM-Programm-Cartridges. An der Rückseite befinden sich die Anschlüsse für Monitor, Fernseher und Ton, der Druckerport, die DIN-Buchse für den Kassettenrecorder und der Netzanschluss. Erst ein Blick auf die linke Seitenwand offenbart dem Fachmann das Besondere: Midi-In, Midi-Out, Audio-Out und Musical -Keyboard sind ganz und gar ungewöhnliche Buchsenbeschriftungen in der Welt der Homecomputer. Für den CX5M jedoch stellen sie den Nabel der Welt des Musikers dar. Selbstverständlich ist der CX-5 zur breiten Palette an Peripherie und Software im MSX-Standard voll kompatibel.

Yamaha-Spezialitäten

Bei der Konstruktion dieses Heimcomputers hat Yamaha seine Erfahrungen im Musik -Bereich voll ausgespielt. Bei der Wahl des Soundchips war man natürlich an den MSX-Standard gebunden, der den AY-3-8910 als »Musikmacher« vorschreibt. Dieser Chip verfügt über drei voneinander unabhängige Tongeneratoren mit variabler Lautstärke und einem Rauschgenerator. Von Dreiklängen bis zu Brandungsrauschen lässt sich alles mit ihm realisieren. Die Lautstärke des Sounds während des Klangablaufs lässt sich mit dem internen Hüllkurvengenerator bestimmen. Dieser ist jedoch eine Schwachstelle des AY-3-891O, wenn man ihn mit dem SID-Chip des Commodore 64 vergleicht. Man kann hier nur aus einigen fest vorgegebenen Lautstärkeverläufen wählen. Commodore-Musiker haben diesbezüglich viel mehr Freiheiten. Dafür lässt sich der Chip im Yamaha-Computer, dank den speziellen Sound-Befehlen des MSX-Basic, sehr viel einfacher und schneller programmieren. Gründliches Studium der Funktionsweise des Chips ist jedoch Voraussetzung. Danach ist es keine Kunst mehr, die 14 Register des Chips auf passende Werte zu setzen. Bald tönen die gewünschten Sounds und Melodien aus dem Lautsprecher. Hier helfen die Basic-Befehle SOUND, PLAY und BEEP. Der PLAY-Befehl nutzt die sogenannte »Music Macro Language«. Will man zum Beispiel einen D-Dur-Akkord spielen, gibt man einfach >PLAY"D", „+F", „A"< ein und schon tönt es aus dem Lautsprecher. Genauso einfach setzt man die Register für Tonlänge, Lautstärke und Hüllkurve. Ein entsprechender Befehl sieht folgendermaßen aus: »PLAY"m2000s11t 200"«. In diesem Fall wäre das Hüllkurvenregister (m)auf den Wert 200, die Kurvenform des Oszillators (s) auf 11 und das Tempo (t)auf 200 gesetzt. Der Klang ist beim AY-3-891O genauso mäßig wie der aller anderen entsprechenden Chips. Auch der vielgerühmte SID-Chip des C 64 macht hier keine Ausnahme. Es fehlen die satten Bässe und brillianten Höhen. Das Signal ist ständig, wenn auch schwach, von sirrenden Störgeräuschen überlagert.

Das Herz des musikalischen Wunderkindes

Das eigentliche Goldstück des Yamaha-Musik-Computers liegt in einer Art Safe gesichert, an der Unterseite des Gerätes: das FM-Klangmodul SFG01. Es sorgt auf Wunsch statt des Sound-Chips für den Ton, liegt also außerhalb des MSX-Standards. Dieses Kästchen erzeugt die Töne nach einem völlig neuen Klangsynthese- Prinzip, das der Profi »Frequenz-Modulations-Synthese« nennt und nach dem Yamaha als erster und einziger Synthesizer-Hersteller seine Instrumente erklingen lässt. Die Vorteile an der Sache: fantastischer Klang auch für verwöhnte Musikerohren und ein relativ niedriger Preis. Vor noch nicht mal zwei Jahren erschienen der erste FM-Synthesizer, der legendäre Yamaha DX-7, auf dem Markt. Jetzt gelang das Kunststück, das Volumen des Musikmachers nochmals schrumpfen zu lassen. Der Synthesizer findet heute bequem im »Safe« des CX-5 Platz.

Klänge wie aus einem professionellem Synthesizer

Die Klänge aus dem Yamaha-Computer haben sich von den bekannt blassen Tönen der diversen Sound-Chips hiermit völlig losgelöst. Erstmals auch für Profis salonfähig, besitzen sie eine Brillianz, die nur noch von wenigen Synthesizern der obersten Spitzenklasse übertroffen wird.
Acht verschiedene Klänge kann man dem Modul gleichzeitig entlocken und mit verschiedenen Tönen belegen. Genauso, als hätte man eine Band mit acht verschiedenen Instrumenten vor sich. 43 verschiedene Instrumentenklänge stehen bereits abrufbereit zur Verfügung, vom Piano über das Xylophon bis hin zum Vogelzwitschern. Wem das nicht genügt, dem sind im Erfinden von neuen Klängen kaum Grenzen gesetzt.

Eine Klaviatur gehört zum System

Wie es sich für einen Musik-Computer gehört, hat man den CX-5 auch mit einem Klaviatur-Anschluss versehen. Yamaha bietet zur Zeit eine externe Klaviatur an: Das Mini-Keyboard YK-01 für zirka 300 Mark mit 44 Schmal-Tasten. Ein weiteres Keyboard mit 49 Tasten soll bald folgen.

Integriertes Musikprogramm

Im Betriebssystem des Computers ist bereits ein fertiges Musikprogramm integriert. Der Befehl »Call Music« macht es binnen einer Sekunde startklar. Um es sinnvoll zu nutzen, benötigt man eine der beiden Klaviaturen. So ausgerüstet hat man eine Musikmaschine, die viele der altbewährten Heimorgeln weit in den Schatten stellt. Man kann gleichzeitig Solomelodie und eine polyphone Begleitung spielen. Hierzu lässt sich die Klaviatur per Software an beliebiger Stelle in eine linke und eine rechte Hälfte teilen. Für Spielfaule ist zusätzlich eine Begleitautomatik, die selbsttätig Bass- und Begleitharmonien spielt, sowie eine Art Elektronik-Schlagzeug integriert. Fünf verschiedene rhythmische Grundmuster (Disco,Swing, 16 Beat, Slow-Rock, Walzer und Jazz-Rock) stehen bereit. Der Harmonie-Begleitautomat kann wahlweise nach Flöte, Gitarre, Horn oder Blasinstrument klingen. Leider sind diese Klangfarben jedoch etwas schmalbrüstig programmiert und lassen sich auch nicht ändern. Für den Begleitbass stehen zwei verschiedene Versionen zur Verfügung, die recht ordentlich klingen. Mit den zwölf tiefsten Tasten der Klaviatur transponieren wir unser Begleitorchester und bestimmen, ob wir Dur-, Moll-, Mollseptimen oder Septakkord wünschen. Das Ganze funktioniert genau wie die Begleitautomaten herkömmlicher Heimorgeln. Für die kreativere Seite des Ganzen, die von Hand gespielte Begleitung und das Solo, stehen nun jeweils alle 47 Preset-Klangeinstellungen des FM-Moduls zur Auswahl bereit.

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Mit einer Art Softwaremischpult regeln wir die Lautstärken der einzelnen Orchestergruppen, die Tonhöhe kann man auch stimmen. Mit einem sogenannten LFO lassen sich interessante zusätzliche Tonhöhen-Effekte erzielen. Ein eingebauter »Software-Recorder « schneidet nach Belieben unser Konzert mit und behält sie im Speicher. Natürlich lassen sich die aufgenommenen Musikstücke, genau wie die Parametereinstellungen der aktuellen Vorführung auf Kassette, abspeichern. Die Bedienung des Programms ist kinderleicht. Mit der RETURN-Taste lenkt man einen roten Cursor von Parameter zu Parameter. Die Cursortasten dienen dann zur Veränderung des jeweiligen Wertes. Ein Druck auf eine Taste der Klaviatur startet das Begleitorchester, das Drücken der Taste »R«auf der alphanumerischen Tastatur stoppt die Musik wieder.

MIDI-Möglichkeiten

Für professionelle Musiker hat Yamaha den CX-5 midikompatibel entwickelt. Dies verraten die beiden 5poligen DIN-Buchsen an der linken Seite des Computers: ))Midi-In« und ))Midi- Out«. Über diese Buchsen lässt sich der CX-5 mit anderen midi-kompatiblen Synthesizern verbinden. Letztere lassen sich dann zum Beispiel von der Klaviatur des CX-5 aus bedienen.

Die ersten drei Softwaremodule

Für Musiker sind auch die ersten drei Softwaremodule gedacht, die Yamaha anbietet. Der FM Music- Composer YRM-101 ermöglicht das mehrstimmige Komponieren im Bildschirmdialog per Notenschrift. Mit dem YRM-102 Voicing-Programm erhält man ein Werkzeug zur gezielten Klangerzeugung des FM -Synthesizers. Das dritte Programm erlaubt DX-7-Besitzern, ihren Synthesizer schnell und übersichtlich zu programmieren.

Die wichtigsten Daten des Yamaha CX5M auf einen Blick

CPU: Z80A
Frequenz: 3.58 MHz
RAM: 32 KByte
ROM: 32 KByte
Grafik: 16 Farben, 32 Sprite-Ebenen, Auflösung: 256 x 192 Bildpunkte
Tastatur: Schreibmaschinen-Tastatur, Leuchtdioden für »Power on« und »Caps lock«
Preise (zirka):
Konsole inklusive Synthesizereinheit: 1500 Mark
Klaviatur mit 44 Tasten: 300 Mark
Musiksoftware auf ROM-Modul: je 150 Mark


Originalmanuskript – Richard Aicher - 1985