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Feature zur Lage auf dem MIDI & Homecomputer-Sektor 1985 von Richard Aicher
Im Bereich der Homecomputer Musik lässt sich mit den etablierten Computern sicher nicht mehr allzu viel Neues entwickeln. Für alle gängigen Systeme gibt es mittlerweile Musik-Software. So ausgerüstet lassen
sich mehr oder weniger komfortable Klänge, Geräusche, Melodien und sogar ganze Kompositionen in den Computer eintippen und abspielen. Die Grenzen liegen eindeutig an der Hardware. Der SID-Chip besitzt erstaunliche Fähigkeiten,
aber der C 64 wurde nicht als »Musik-Maschine« entwickelt, sondern eben als »musikalischer« Computer. Theoretisch wäre es nicht sehr kompliziert, den C 64 mit weiteren zusätzlichen Soundmodulen zu bestücken. So ließen sich
wenigstens mehr als drei Stimmen produzieren. Doch die sind für sinnvolle musikalische Anwendungen einfach zu wenig. Dann ließen sich die diversen Klaviaturen, die mittlerweile für den Commodore entwickelt wurden, sinnvoller
nutzen. Doch der Klang?

Der Yamaha CX5M MSX-Musik-Computer
Neue Impulse im Bereich der Musik mit Sound-Chips kommen momentan aus dem Bereich der MSXComputer. Denn was passiert, wenn ein japanischer
Computerhersteller, dessen Unternehmen gleichzeitig eines der erfolgreichsten der Musikindustrie ist, einen neuen Computer entwickelt? Die Vermutung bestätigt sich:
Das Gerät wird ein Musik-Computer. So geschehen mit dem MSX-Computer von Yamaha. .
Vor kurzem machte Yamaha mit der Entwicklung des ersten FM-Synthesizers
(Klangsynthese nach dem Verfahren der Frequenz- Modulation), der DX-Serie Furore. Das Gerät wurde ein Hit. Kein Wunder, der Sound und die Fähigkeiten des
Synthesizer waren in dieser Preisklasse bisher nicht zu bekommen. Yamaha ging einen Schritt weiter und verkleinerte einen Synthesizer der DX-Serie, den DX-9,
auf die Größe einer Zigarettenschachtel, bei gleicher Soundqualität. Das Yamaha-Klang-Modul war geboren. Natürlich passt es in den Modulschacht des Yamaha
MSX-Rechners. Und, es verwundert niemanden, auch die passende Musiksoftware hatte man parat. Der erste vollmusikertaugliche Homecomputer mit überragender Soundqualität heißt Yamaha CX 5 M. Ob sich dieses System mehr auf dem
Musiksektor durchsetzen wird, für den dieser Computer von Yamaha konzipiert wurde, oder bei musikinteres sierten Computer-Freaks, bleibt ab zuwarten. Mit
billigen LCD-Großdisplays wäre es sinnvoller, den Computer samt Display in das Keyboard selbst zu integrieren. Dies erspart viel Transport- und Verkabelungsprobleme. Jeder moderne Synthesizer ist sowieso bereits mit mehreren
Prozessoren bestückt.
Das Midi-System hat sich innerhalb kürzester Zeit fest etabliert. In London gibt es mittlerweile drei Midi-Recording Studios. In London hat sich jedoch kürzlich
ebenfalls ei ne Vereinigung arbeitsloser Studio Musiker gebildet, die gegen den weiteren Einsatz von Computern in Tonstudios protestieren. »Computer machen
uns arbeitslos.«, meinen sie. »Computer spielen präziser, zu jeder Zeit, und liefern den optimalen Sound gleich mit.«,kontern die Studios. Stein des Anstoßes sind hier
natürlich nicht musikalische Homecomputer, sondern Spitzen-Musik- Systeme wie Fairlight und Synclavier. Sie machen mit ausgefeilter Sampling-Technik und
Bediensoftware nicht nur den Studio-Musiker arbeitslos, sondern den Tonmeister gleich mit. Doch bei aller Achtung vor Spitzen-Musikcomputern, eine gespielte
Geige bietet ungleich mehr Nuancen, und ein guter Musiker spielt sie sofort mit so viel mehr Ausdruck, Spontaneität und Gefühl, dass zumindest auf viele Jahrzehnte
hinaus natürliche Instrumente nicht von Computern ersetzt werden. Aber es ist ein neuer Musiker-Typus hinzugewachsen: Der Computer- Musiker. Und ein neues
Instrument ist gleichberechtigt neben die althergebrachten getreten. Der Computer in Verbindung mit MIDI-steuerbaren Synthesizern. Und dieses wird
außerdem ständig billiger. Mit Sicherheit gibt es in nicht allzuweiter Ferne ein Gerät . mit dem Potential eines heutigen Fairlights nicht für 100000 sondern vielleicht
7000 Mark im Musikgeschäft an der Ecke zu kaufen. (Anmerkung 2007: Tatsächlich gibt es das heute noch wesentlich billiger als ich damals gedacht hatte!)
(Originalmanuskript & Foto von Richard Aicher, 1985)
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