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VON KÜHNEN TRÄUMEN ZUR Ein Großteil dieses rapiden Preisverfalles geht sicher auf das Konto Midi. Und sicher werden die Instrumente nur allzuoft zu Unrecht entwertet, denn der Sound der Teile hat sich durch Midi nicht geändert. Ein
Mini Moog von einst klingt heute noch genauso bombastisch, und auch der Jupiter 4 hat seine interessanten Eigenheiten. Doch viele Keyboarder sind eben Technik-Freaks und spielen am liebsten mit modernstem Equipment. Trotzdem
möchte ich jedem ans Herz legen, sich genau zu überlegen, ob es sich in seinem speziellen Fall auch tatsächlich lohnt, ein altes Teil herzugeben, und dafür ein wesentlich teureres, neues anzuschaffen - das dann eine Midi-Buchse
hat. Sicher, Midi ist eine absolut fantastische Sache; und ich könnte mir mein eigenes Equipment nicht mehr ohne Vernetzung vorstellen. Doch nicht jeder benötigt das! Sehr viele Keyboarder sind mit ein oder zwei Keyboards
vollauf zufrieden, und die spielen sie von Hand. Das Problem der Koppelung via Midi stellt sich bei ihnen erst gar nicht, ein Sequenzer wird nicht benötigt. Warum also nicht das Equipment behalten, wenn die Sounds o.k. sind?
Sich tatsächlich für Midi entscheiden, erfordert dann auch Konsequenz. Sicher, man kann auch durch die bloße Koppelung von zwei Keyboards interessante neue Dimensionen erschließen, auch ein Keyboard in Verbindung mit Computer
oder Sequenzer ist schon was. Aber so richtig interessant wird das System erst im Verbund von vielen Instrumenten, wozu dann leider mindestens ebenso viel Peripherie nötig wird. Und die kostet oft mehr Geld als die Instrumente
selbst. Und dann hört man es doch! Dieselbe Stelle nochmal abgespielt. Klar, da stimmt etwas nicht. Im dritten Takt klingt es holprig. Die Drums setzen nicht richtig ein. Ein Delay? Ein Datenfehler? Spinnt ein Gerät? Ist ein Kabel defekt? In so hochkomplexen Daten-Systemen gibt es viele Fehlermöglichkeiten. Und wenn man Pech hat, kann man sie nicht mal eliminieren. Dann nämlich, wenn der Teufel bereits im System steckt. Und im Midi-System steckt ein ganz ausgefuchster! Meistens zeigt er sich nie. Das ist am besten. Manchmal verleidet er das System sofort, oft zeigt er sich erst, wenn das Equipment eine gewisse Komplexität erreicht hat, die Songs komplexer werden oder viel mit Midi-Drums gespielt wird. Es geht um die serielle Datenübertragung. Sicher, jeder weiß, welche Vorteile sie hat, lange Kabel, wenig Leitungen, alles super für die Anwendung. Wenngleich die 180 Grad DIN-Midistecker nach wie vor
schlichtweg eine Zumutung für jeden Musiker bedeuten und eigentlich meistens irgendwann Ärger machen. Entweder sind sie verbogen, leiern aus oder die Kabel brechen ab. Aber das steht auf einem anderen Blatt. Das Problem liegt
in der seriellen Datenübertragung selbst, die von der Spezifikation 1.0 vorgeschrieben wird. Die Übertragung geschieht Bit für Bit, Wort für Wort, Begriff für Begriff. Die Übertragungsgeschwindigkeit wurde zwar immerhin auf
31.25 kBaud festgelegt, das ist zweimal schneller als die der in der Computerszene weithin verbreiteten RS 232 C Schnittstelle. Man stelle sich nun bitte kurz aber leb-' haft vor, welche Datenflut wandern muss, um, voll
orchestriert, Beethovens Fünfte mit 16 verschiedenen Midi-Keyboards computergesteuert wiederzugeben. Ab einer gewissen Datenmenge treffen die Signale nicht mehr zur richtigen Zeit an den verschiedenen, angeschlossenen
Instrumenten ein. Das Midi-Orchester spielt daneben. Als Midi entwickelt wurde, war dieser Fall undenkbar. Die billigsten Midi- Keyboards kosteten damals mehr als 3000 Mark. Niemand konnte sich fünf oder gar 16 davon leisten.
Doch mittlerweile gibt es hervorragende Midi-Keyboards oder Expander in der Preislage ab 700 Mark und ein Ende des Preisrutsches ist nicht abzusehen. Außerdem werden immer mehr Geräte midikompatibel. Das Endziel ist bekannt:
Das voll Computer-gesteuerte Midi-Studio. Die zu übertragende Datenflut wächst also immens. Die Grenzen der seriellen Datenüber- /tragung könnten bald erreicht sein! Sicher, man kann sich auch hier helfen, Daten vor-, zurück-,
hin- und herschieben, aber das sind eben nur Notbehelfe. Manche Hersteller experimentieren mit erhöhten Übertragungsgeschwindigkeiten. Dies wäre vielleicht die unproblematischste Lösung. Sehr viel aufwendiger wäre eine Änderung der Spezifikation in Richtung paralleler Datenübertragung. Das hieße dann, sehr viel bereits bestehende Hardware umzuändern oder zumindest mit Interfaces dem parallelen Standard anzugleichen. Daten aus älteren 1.0 Instrumenten müssten dann erst eine wahre Wandlungsorgie durchlaufen, bis sie endlich irgendwo am Ziel wären. Wie jeder Anwender weiß, gibt es noch genügend andere Probleme im System. Etwa die nicht ausreichende Normierung der Anzahl und Nummerierung, das heißt, besser: Strukturierung der Programmspeicherplätze von
Keyboards. Spätestens hier macht sich nämlich bemerkbar, dass das schönste Midi-System nichts nützt, wenn bestimmte hardwaremäßige Gegebenheiten der Instrumente nicht genormt sind. Und hierzu zählen leider die Voice Memories.
Wählt man am Masterkeyboard Programm 4, so erscheinen an den angeschlossenen Instrumenten alle anderen Programme, aber nicht Nr. 4. Und wenn das Keyboard, das man als Masterkeyboard einsetzt, weniger Voice Memories besitzt als
ein angeschlossener Expander, dann kann man die restlichen Programme des Expanders vom Masterkeyboard aus gar nicht ansprechen. Und wenn ein angeschlossener Expander oder auch ein Effektgerät weniger Voice Memories besitzen als
das Masterkeyboard, dann macht es nicht mehr sehr viel Sinn, die restlichen Programme des Masterkeyboards einzusetzen. Das Instrument mit der niedrigsten Zahl von Voice Memories bestimmt also die maximal zur Verfügung
stehenden, korrekt einander zugeordneten System-Voice Memories innerhalb eines Midi-Systems, das ohne Homecomputer und ohne Midi-Control-Computer arbeitet. So wird man also auf bestimmte Marken gedrillt. Klar, verwendet man nur
Instrumente eines Herstellers, funktioniert meist alles. Doch dies ist, vor allem für Keyboarder, kompletter Unsinn. Denn jeder Hersteller setzt heute andere Klangsynthese- Methoden ein. FM klingt anders als PD, PD klingt
anders als additiv, und additiv klingt anders als subtraktiv synthetisierte Klänge. Gerade die Kombination von Keyboards mit unterschiedlichen Klangsynthese- Methoden macht aber das gewisse Etwas aus, bringt die wünschenswerte
Klangvielfalt zu Tage. Und wie steht's mit den Musikern selbst? Wie stehen sie den Möglichkeiten der Computersteuerung gegenüber? Sie klagen! Konnten sie sich einst voll der Musik widmen, hantieren sie heute gezwungenermaßen mit Computertastaturen, nicht bedienerfreundlicher Software, zu kleinen Arbeitsspeichern und zu langsamen Diskettenlaufwerken. Der Preis, selbst Songs in perfekter Qualität im Wohnzimmer produzieren zu können, ist hoch. Die eigentlich ehemals musikerfremde Arbeit nimmt immer größere Dimensionen an. Früher mussten Sounds lediglich programmiert werden. Heute genügen einfache Sounds oft nicht mehr, sie müssen gestackt werden, das heißt zwei, vier oder noch mehr Sounds werden übereinandergelegt und ergeben den Übersound. Midimäßig ein Leichtes. Aber es vergehen Stunden, bis man die optimale Soundkombination gefunden hat. Die Folge: Die Archivierung im Studio wird immer komplexer; nicht dass nun Bänder geordnet werden müssen, heute sind es Daten. Hunderte von Disketten, selbstverständlich verschiedenster Formate, dazwischen ein Wust .von Tapes mit den Keyboard-Sounds. Wer da nicht Ordnung hält, ist nach einiger Zeit hoffnungslos verloren. Genau wie jemand, der aus 5000 verschiedenen DX-Sounds für einen Song den optimalen aussuchen will. Trotzdem, das Midi-System lässt sich nicht mehr aufhalten. Und das ist auch gut so. Denn bei allen Nachteilen, die Vorteile überwiegen auf jeden Fall. Das Midi-Studio für Keyboarder ist mittlerweile keine Zukunftsvision mehr. Immer mehr Midi- Studios nehmen den Betrieb auf, und ein Tonstudio ohne gutes Midi-Equipment ist heute bereits veraltet. Doch wo viel Licht, da ist auch viel Schatten. So haben sich in London vor nun gut einem Jahr arbeitslose Studiomusiker in einem Verein "zur Verbannung des Computers aus den Tonstudios" organisiert. "Der Computer macht uns arbeitslos", singen sie im Chor. Er spiele nicht nur zu jeder Tages und Nachtzeit, sondern überdies exakter und liefere quasi als Abfallprodukt den perfekten Sound gleich mit. In Verbindung mit modernster Midi- und Sampling-Technik vertreibe er nicht nur die Musiker selbst, sondern den Tonmeister gleich mit. Ihr Protest richtet sich vor allem gegen Schlagzeugcomputer und solche Super-Systeme wie Fairlight und Synclavier. Sicher ist die Angst etwas übertrieben. Natürliche Instrumente besitzen nach wie vor Klang- und Nuancierungsmöglichkeiten, die ein perfekter Musiker mit Spontaneität und Gefühl in Ausdruck verwandelt, von dem
auch das beste Computermusiksystem nur träumen kann. Das wird sich im nächsten Jahrzehnt nicht ändern. |